Hochsensibel – was steckt da eigentlich dahinter?
Hochsensibilität so einfach erklärt, wie ich es einer guten Freundin erzählen würde.
Kennst du das? Du kommst von einem Konzert, einer Party oder einem langen Arbeitstag nach Hause. Und während alle anderen noch voller Energie sind, bist du einfach leer. Ausgelaugt. So, als hätte jemand dein inneres Licht ausgeschaltet.
Du gehst in einen Raum und spürst die Stimmung, noch bevor jemand ein Wort gesagt hat. Du weisst, dass etwas nicht stimmt. Und du weisst selbst nicht so genau, woher du das weisst.
Wenn dir das bekannt vorkommt, bist du vermutlich hochsensibel. Und nein, das ist kein Problem, das gelöst werden muss. Lass mich dir erzählen, was wirklich dahintersteckt.

Stell dir dein Nervensystem wie ein Sieb vor
Bei den meisten Menschen filtert das Nervensystem einen Grossteil dessen heraus, was um sie herum passiert, bevor es überhaupt richtig ankommt. Ein Sieb, das nur das Nötigste durchlässt.
Bei dir fehlt dieses Sieb, oder es hat viel gröbere Löcher. Alles kommt ungefiltert rein. Stimmungen, Geräusche, Gerüche, die Energie im Raum, die kleine Veränderung in einer Stimme. Dein Gehirn verarbeitet das alles gleichzeitig, tiefer und länger als bei anderen.
Deshalb fühlst du oft schon in der Brust oder im Bauch, dass etwas nicht stimmt, bevor du es überhaupt zu Ende gedacht hast. Das ist keine Einbildung. Das ist dein System, das mehr aufnimmt und verarbeitet.
Man geht heute davon aus, dass etwa 15 bis 20 Prozent aller Menschen so funktionieren. Und übrigens auch über 100 Tierarten, das Phänomen ist also nichts Neues, sondern hat vermutlich einen evolutionären Sinn.
Vier Dinge, die typisch für dich sind
Die Psychologin Elaine Aron hat in den 1990er-Jahren vier Merkmale beschrieben, die Hochsensibilität ausmachen. Ich packe sie hier bewusst nicht in Fachsprache, sondern so, wie sie sich im echten Leben anfühlen.
Du denkst Dingen wirklich auf den Grund
Eine einfache Entscheidung kann sich für dich anfühlen wie ein inneres Gespräch mit zehn verschiedenen Stimmen. Du sagst nicht einfach „Ja“, ohne vorher alle Konsequenzen durchgespielt zu haben.
Du wirst schneller voll
Weil du mehr wahrnimmst, wirst du auch schneller überwältigt. Laute Geräusche, grelles Licht, ein volles Einkaufszentrum, ein emotionales Gespräch. Das alles kostet dich mehr Energie als andere Menschen. Nach einem Tag mit vielen Menschen brauchst du oft Stunden, um wieder ganz bei dir zu sein.
Du fühlst intensiv, deine Gefühle und die der anderen
Du bist oft die Person im Raum, die merkt, wenn jemand traurig ist, noch bevor er selbst etwas sagt. Du wirst von Schönheit berührt, von Ungerechtigkeit erschüttert. Und ja, du weinst vielleicht auch mal bei einem Werbespot.
Du bemerkst, was andere übersehen
Die kleine Veränderung im Tonfall. Das Zucken eines Mundwinkels. Die Spannung in einem Raum, bevor sie jemand ausspricht. Du lebst in einem hochauflösenden Film, während andere eher in Standard-Definition unterwegs sind.
Wichtig zu wissen: Hochsensibilität ist nicht dasselbe wie Introversion, Schüchternheit oder eine Angststörung, oder ADHS auch wenn es Überschneidungen geben kann. Etwa 30 Prozent der hochsensiblen Menschen sind sogar extrovertiert.
Drei Sätze, die du wahrscheinlich schon gehört hast
„Du bist einfach zu empfindlich“
Nein. „Zu empfindlich“ ist eine Bewertung. Hochsensibel zu sein heisst, dass dein System intensiver verarbeitet, nicht, dass etwas falsch mit dir ist. Das ist ungefähr so, als würde man einem Hochleistungsmikrofon vorwerfen, es sei „zu gut“.
„Das wächst sich schon noch aus“
Nein! Die Grundveranlagung zur höheren Reizverarbeitung ist zu einem erheblichen Teil angeboren, ihre konkrete Ausprägung im Erwachsenenalter wird aber deutlich durch deine frühen Beziehungs- und Lebenserfahrungen geformt. Hochsensibilität ist somit kein Kindheitsphänomen, das dann im Erwachsenenalter einfach so verschwindet. Was sich verändern kann, ist, wie du damit umgehst, wie gut du dich selbst verstehst und wie du dein Leben so gestaltest, dass es zu dir passt, ohne dich zu überfordern.
„Du kannst dich einfach nicht anpassen“
Im Gegenteil. Viele hochsensible Menschen sind extrem anpassungsfähig, manchmal sogar zu sehr. Viele haben jahrelang ihre eigenen Grenzen ignoriert, nur um zu funktionieren. Genau das zu erkennen, ist der erste Schritt, es zu ändern.
Was dir das alles auch bringen kann
Wenn du lernst, mit deiner Hochsensibilität zu arbeiten statt gegen sie, öffnen sich Fähigkeiten, die in einer lauten Welt immer wertvoller werden. Tiefe Empathie und ein feines Gespür für Menschen, Kreativität, ein ausgeprägter Sinn für Qualität, echte Berührbarkeit durch Musik, Natur und Kunst, und die Fähigkeit, wirklich tiefe Verbindungen zu schaffen.
Bist du vielleicht auch hochsensibel?
Vieles davon klingt vertraut, aber du bist dir nicht ganz sicher? Der folgende Selbsttest könnte dir etwas Klarheit bringen. Es gibt kein richtig oder falsch, kreuze einfach an, was für dich zutrifft.
Dieser Test ersetzt keine professionelle Begleitung. Wenn du merkst, dass dich deine Hochsensibilität stark belastet, lohnt sich ein tieferer Blick darauf. Melde dich gerne bei mir für ein unverbindliches, telefonisches Erstgespräch, um deine weiteren Schritte zu besprechen.
Und jetzt?
Dich selbst zu erkennen ist der erste und wichtigste Schritt.
Es ändert erstmal nichts an deinem Alltag. Aber es ändert, wie du auf dich selbst schaust.
Statt „Warum bin ich so?“ kannst du dich fragen: „Wie kann ich so sein, wie ich bin, und dabei gut für mich sorgen?“
Das ist die eigentliche Arbeit. Und sie beginnt genau hier.
Steffi Eggimann - Wegbegleiterin für (hoch)sensible Frauen





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