Krisen-Phase 3: Vielseitiges Neuland erkunden - was will ich denn wirklich?
- Franz Manser

- 14. Feb.
- 6 Min. Lesezeit
Wir verstehen Krisen als Veränderungsprozess mit vier Phasen. In dieser Phase beginnt das Erkunden: durch Spüren, Ausprobieren und Reflexion kristallisiert sich heraus, wer du bist und was du brauchst – ohne Druck, ohne sofortige Festlegung.

Wenn es innen wieder etwas leiser wird
Es kommt der Moment, das ist man aus dem Tal der Tränen raus und man spürt, dass die emotionale Achterbahn weniger wird. Du bist stabiler. Nicht „perfekt“, nicht „fertig“, aber spürbar weniger ausgeliefert.
Vielleicht klingt es in dir so:
„Manchmal habe ich noch Zweifel, ob die Entscheidung richtig war. Aber ich zerfleische mich deswegen nicht mehr. Ich weiss: Es war notwendig und sage das auch meiner Unsicherheit.“
„Wenn ich Traurigkeit spüre, kann ich sie eher annehmen. Früher hätte sie mich ins Loch gerissen.“
„Wenn ich davon erzähle, wie es vor dem Vorfall war, ist es heute mehr Erinnerung, einfach ein Teil meiner Gesichte. Es holt mich nicht mehr ein.“
Das ist kein Zeichen, dass alles gelöst ist. Es ist ein Zeichen, dass Annehmen und Loslassen begonnen hat zu wirken.
Das Alte ist nicht mehr der Ort, an den du zurück willst. Und irgendwo in dir regt sich etwas Neues – zuerst ganz vorsichtig: Interesse. Neugier. Ein leiser Vorwärtsdrang.
Manchmal fühlt sich das sogar überraschend leicht an: „Irgendwie geht es mir richtig gut, obwohl ich ja eigentlich noch nicht weiss, wie meine Zukunft aussieht.“
Genau hier beginnt Phase 3 und du bist bereit, Neuland zu erkunden.
Das alte Selbstkonzept ist weg – und das neue ist noch nicht da
Phase 3 kann sich anfühlen wie ein Zwischenraum.
Du weisst schon ziemlich gut, was du nicht mehr willst.
Aber was du wirklich willst, ist noch nicht greifbar.
Und genau daraus entsteht diese Frage:
„Was will ich denn wirklich?“
Diese Frage ist kraftvoll – kann aber auch verunsichern.
Denn viele versuchen, sie im Kopf zu lösen.
Und das führt oft ins Leere.
Warum? Weil der Verstand nur sinnvoll bewerten kann, was er kennt. Er kann analysieren, vergleichen, begründen. Aber er kann versuchen „vorausfühlen“, wird dann aber auch von alten Überzeugungen und Glaubenssätzen beeinflusst.
Du kannst dir etwas vorstellen.
Du kannst darüber nachdenken.
Aber wirklich wissen tust du es erst, wenn du es erfährst.
Phase 3 ist deshalb keine Denkphase. Sie ist eine Erfahrungsphase.
Es ist ein erkunden neuer Erfahrungfelderelder der Möglichkeiten.
Kein endgültiges Commitment. Kein „so muss es jetzt sein“.
Sondern: Erkunden.
Eigene Bedürfnisse entdeckt man nicht durch Denken – sondern durch Spüren
In dieser Phase dreht sich viel um deine wahren Bedürfnisse.
Aber Bedürfnisse sind keine Excel-Liste.
Sie tauchen nicht dann auf, wenn du lange genug darüber nachdenkst.
Bedürfnisse werden spürbar, wenn du ihnen Raum gibst – im Körper, im Alltag, in echten Situationen.
Darum ist das zentrale Werkzeug in Phase 3 nicht „Entscheiden“, sondern:
Ausprobieren.
Und ja: Ausprobieren braucht oft zuerst eine innere Erlaubnis.
„Darf ich das?“
„Kann ich das?“
„Was denken die anderen?“
„Ist das egoistisch?“
„Was, wenn ich scheitere?“
Das sind keine kleinen Fragen. Das sind alte Moral-Sätze und alte Schutzmuster, die früher vielleicht nötig waren – und dich heute klein halten.
Kindliche Neugier als Haltung (Pippi-Prinzip)
Phase 3 profitiert enorm von einer Haltung, die viele Erwachsene verlernt haben: experimentierfreudige Neugier, welches sich sehr schön in einem Zitat von Pippi-Langstrumpf ausdrückt: „Das habe ich noch nie vorher versucht, also bin ich völlig sicher, dass ich es schaffe!“
Das "ich schaffe es" bezieht sich dabei nicht zwingend auf "Erfolg haben". Pippi traut sich damit lediglich zu, es einfach mal zu versuchen!
Das heisst nicht „kopflos“. Es heisst: Ich darf testen, ohne mich sofort festzulegen.
Du darfst ein altes Hobby ausgraben, ohne gleich Profi werden zu müssen.
Du darfst allein an einen Event gehen, ohne dass es „komisch“ ist.
Du darfst mehr Zeit mit Lieblingsmenschen priorisieren, ohne dass du deswegen die Partnerschaft gefährdest.
Du darfst wieder mehr in die Natur gehen, ohne dass es „produktiven Nutzen“ haben muss.
Du darfst eine Reise machen, ohne dass du vorher jede Stunde durchgeplant hast.
Du darfst dich für eine Ausbildung einschreiben, ohne dass du weisst, was du danach mit ihr anfangen sollst.
Und manchmal entstehen daraus bahnbrechende Erfahrungen.
Eine Klientin hat es einmal so beschrieben (sinngemäss):
Sie kaufte sich spontan einen kleinen Camper-Bus und fuhr damit erstmals allein an einen See – nur mit einem Buch und etwas Proviant im Gepäck. Auf dem Weg dorthin konnte sie kaum glauben, dass sie sich das erlaubt. Früher war klar: Wochenenden gehören der Familie oder den Freundinnen, dem Programm, dem „so macht man das“. Am See spürte sie zum ersten Mal seit langem wieder: Ich darf einfach sein. Ohne Plan. Ohne Rolle. Ohne Rechtfertigung. Sie führte schöne Gespräche mit zufälligen Begegnungen am Stellplatz – und merkte, dass es völlig okay ist, danach wieder allein ans Wasser zu gehen und sich mit dem Buch zurückzuziehen.
Ihr Fazit: „Ich werde das wieder tun.“
Das ist Phase 3 in Reinform: Selbsterforschung durch Erfahrung.
Typische Bedürfnisse in dieser Phase
In unserer Begleitung tauchen in Phase 3 oft ähnliche Richtungen auf – nicht als Rezept, sondern als Resonanzfelder:
Zeit mit sich alleine (nicht als Rückzug, sondern als Auftanken)
Kreative Hobbys wieder beleben
Verbindungen pflegen, die wirklich gut tun (auch ausserhalb der Partnerschaft)
Räume schaffen: Pausen, Natur, kleine Inseln im Alltag
Reisevorhaben oder unerfüllte Wünsche nachholen
Neue Tätigkeiten testen: Praktikum, Nebenprojekt, Ehrenamt, ein Berufsfeld „auf Probe“
Darunter liegen oft Grundbedürfnisse, die wieder zu atmen beginnen:
Autonomie: spontan sein, weniger verplant, mehr Lebendigkeit
Bindung: echte Verbindung zu Menschen (und sich selbst)
Selbstwirksamkeit: wieder erleben „ich kann etwas“, ich wirke, ich lerne, ich gestalte
Phase 3 ist Lebensgestaltung. Und Lebensgestaltung heisst: Verantwortung für Bedürfnisse übernehmen. Dafür musst du sie kennen – und spüren können.
Die Stolpersteine: Wenn alte Muster das Neue klein halten
Gerade weil Phase 3 nach vorne geht, tauchen hier oft subtile Blockaden auf:
Angst, was andere denken („Darf ich das überhaupt?“)
Selbstzweifel („Das kann ich nicht.“ statt „Ich kann das lernen.“)
Angst vor Scheitern („Was, wenn mir das auch nicht gefällt?“)
Wert- statt Lust-Prinzip („aber das macht keinen Sinn" statt „ich habe Bock drauf“)
Oft sind eigene Bedürfnisse so weit hinten versteckt, dass eine Ohnmacht aufkommt wenn bewusst wird, dass man die eigenen Bedürfnisse schlecht spüren kann. Um diese Ohnmacht nicht zu spüren, orientiert man sich leicht an Anderen. Es hat schon was bequemes, wenn andere sagen, was für einen gut ist oder man einfach dem Mainstream folgen kann.
Aber Phase 3 ist genau der Übergang dahin, dass du beginnst, es selbst herauszufinden, was sich für dich stimmig anfühlt – in deinem Tempo, mit einem sicheren Rahmen. Dass du durch viele neue (Selbst-) Erfahrungen immer mehr spürst, wer du bist und wer nicht.
Selbstkontakt: der rote Faden durch das Neuland
Neues kann berauschend sein. Allein schon, weil es neu ist.
Darum ist es in Phase 3 entscheidend, dass du nicht im Neuen verloren gehst, sondern in Kontakt bleibst: mit deinem Körper, deinen inneren Anteilen, deinem inneren Kind, deinem Kritiker, deinem Abenteurer, deinem Macher, deiner Intuition – und auch den Schattenanteilen.
Selbstkontakt heisst hier ganz praktisch:
Hinhören und hinspüren, was in dir gerade lebendig ist – und was es braucht.
Nicht als kompliziertes Konzept. Sondern als innere Beziehung.
Und ja: Manchmal tauchen noch alte Emotionen aus Phase 2 auf. Das ist normal. Es ist kein Rückfall. Es ist nur ein weiterer alter Teil, der gesehen und losgelassen werden darf.
Das Wichtigste in Phase 3 ist deshalb nicht: „Jetzt muss es aufwärts gehen.“
Sondern: Kein Druck. Dafür mehr Spüren.
Was es in dieser Phase braucht
Wenn du gerade in diesem Neuland stehst, dann unterstützt dich:
Ein wertfreier Raum, in dem du ausprobieren darfst
Eine Begleitung, die dich nicht in eine Richtung drängt
Eine Haltung, in der auch ein „Fail“ kein Drama ist, sondern Information: „Okay, probiert. Nicht meins.“
Kleine Routinen, die Selbstkontakt stabilisieren (My-Time, Natur, Körper, Schreiben, stille Momente)
Und immer wieder die Frage: Was ist stimmig – jetzt, in diesem Moment?
Phase 3 ist nicht das „fertige neue Leben“. Phase 3 ist das Wachsen der Wurzeln, aus denen dein neues Leben später überhaupt tragen kann.
Begleitung auf der Entdeckungsreise
Wenn du merkst, dass dich diese Phase gleichzeitig anzieht und verunsichert – dann bist du nicht allein.
Viele Menschen brauchen hier nicht noch mehr Input, sondern einen Rahmen, in dem sie sich selbst wieder spüren lernen: Bedürfnisse, Grenzen, innere Anteile – und die Erlaubnis, sich neu auszuprobieren, ohne sich gleich festnageln zu müssen. Manchmal inspirieren auch fremde Lebenserfahrung, in welchen durch kreative Versuche neue Schatzinseln erobert wurden.
Genau dafür ist Begleitung sinnvoll – als stabiler Boden, zur Ermutigung und kreativer Inspiration, während du Neuland erkundest.
Franz Manser




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