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Krisen-Phase 1: Alles gut, kommt schon wieder...

Wir verstehen Krisen als Veränderungsprozess mit vier Phasen. In dieser Phase geht es um das Festhalten: um Angst vor Kontrollverlust, um das Verteidigen des Vertrauten – und darum, warum „Wird schon wieder“ oft ein Schutz ist, bevor Loslassen möglich wird.



Wenn die Insel im Meer versinkt


Manchmal passiert nichts Spektakuläres.

Kein Knall.

Kein Bruch.


Kein klarer Grund, den man jemandem erzählen könnte. Und trotzdem spürst du: Der Boden fühlt sich anders an, dein Leben fühlt sich anders an.


Du funktionierst.

Du machst weiter.

Du bist „wie immer“.

Du lachst sogar – manchmal.


Und doch ist da dieses leise Gefühl, dass es schon längst nicht mehr stimmig ist, dass etwas kippt. Dass dein Leben, so wie du es kennst, nicht mehr so ist, wie du es brauchst.


Wie eine Insel, die langsam kleiner wird, weil der Wasserpegel steigt.

Am Anfang bemerkst du es kaum.

Du gewöhnst dich an die Engstelle.

Du räumst innerlich um.

Du passt dich an. Du redest es dir schön.

Du erklärst dir, warum das alles eigentlich nicht so schlimm ist.


Und vielleicht bist du darin sogar gut.


In dieser Phase dominiert oft nicht Traurigkeit, nicht Wut, nicht Klarheit. Sondern Angst.


Angst, dass alles zusammenbricht.

Angst vor Gesichtsverlust.

Angst vor Kontrollverlust.


Nicht selten ist es die Angst, dass ein bestimmtes Selbstbild zerbröselt: „So kenne ich mich doch.“ Das Bild von dir als zuverlässig, stark, belastbar, kompetent, stabil – als jemand, der „das im Griff hat“. Wenn das wankt, wankt mehr als nur ein Bereich. Dann wanken Teile deiner Identität.


Und selbst wenn niemand es sieht: Innen fühlt es sich existenziell an.


Kartenhaus oder echtes Haus – die Bedrohung fühlt sich gleich an

Manchmal bricht wirklich ein „echtes Haus“ weg: Schwere Diagnose, unerwarte Trennung, plötzlicher Jobverlust, ein Ereignis, das eindeutig ist.


Und manchmal ist es eher ein Kartenhaus: etwas, das über Jahre stabilisierend gewirkt hat, aber vor allem auf unreflektierten Ideen aufgebaut war. Auf Erwartungen. Auf alten Schutzstrategien. Auf Illusionen. Auf „Ich darf nicht enttäuschen, sonst...“. Auf „Ich muss so sein, sonst...“.


Von aussen sieht man den Unterschied vielleicht.

Egal ob Kartenhaus oder echtes Haus, von innen fühlt es sich gleich an: bedrohlich.


Beide halten sich an der letzten Palme fest.

Beide verteidigen, was noch da ist.

Beide spüren: Wenn ich loslasse, kommt etwas, das ich nicht kontrollieren kann. Das schwarze Loch, vor dem du dich fürchtest.


Viele Menschen beschreiben diese Phase mit einem inneren Bild:

„Wenn ich das zulasse, falle ich.“

„Wenn ich hinschaue, dann überrollt es mich.“

„Wenn ich aufgebe, komme ich nie wieder hoch.“


Das ist verständlich und beschreibt passend das Gefühl, das da ist.

Denn Loslassen bedeutet: Kontrollverlust.


Viele negative Gefühle werden frei.

Du ahnst schon, welche: Traurigkeit. Enttäuschung. Ohnmacht. Wut. Angst. Scham.


Das Problem ist nicht, dass diese Gefühle kommen würden. Das ist sogar normal.

Das Problem ist die Fantasie, dass du daran zerbrichst.


Und hier ist eine Wahrheit, die leise wirkt, aber stark ist:

Du stirbst nicht an diesen Gefühlen.

Sie sind heftig. Sie sind unbequem. Aber sie sind nicht tödlich.

Du verschwindest nicht einfach im schwarzen Loch.

Du bist noch da – auch wenn das Kartenhaus fällt.


„Alles gut“ ist oft eine Ausrede, die dich schützt

In der „Insel“-Phase wird Hoffnung manchmal zur Rettungsinsel.

Keine echte Zuversicht, die aus Klarheit entsteht, sondern eine Hoffnung, die dich davon abhält, hinzuschauen. Die dich davor schützt, die echte Situation zu fühlen.


Hoffnungsbilder, die im Kopf wohnen:

„Wenn ich noch ein bisschen durchhalte, wird es wieder.“

„Wenn sich die anderen ändern, passt es wieder.“

„Wenn ich mich noch mehr anstrenge, fühlt es sich wieder richtig an.“


Sie sind verständlich. Sie geben Luft.

Und gleichzeitig halten sie dich oft in einem Kampf fest, der längst zu viel Kraft kostet.


Sich dem Veränderungsdruck bewusst werden

Phase 1 ist nicht die Phase, in der du „schon loslassen“ kannst. Sonst wären wir ja direkt in der nächsten Phase. Der Widerstand in Phase 1 darf sein, darf bewusst wahrgenommen werden. Er zeigt dir, dass dir das Alte etwas wert war.


Es ist die Phase, in der du beginnst zu spüren, dass Loslassen irgendwann kommen wird.

Es ist die Phase, die dich auf das vorbereitet, vor dem du dich fürchtest.


Das kann sehr einsam sein, weil du nach aussen oft „normal“ wirkst – und innen kämpfst du um Stabilität.


Manchmal ist der erste wichtige Schritt nicht, alles zu ändern.

Sondern ehrlich mit sich zu werden über das, was du gerade schützt.


Zum Beispiel, indem du das, was du fühlst, für dich benennst:

„Ich sehe, dass ich leide und etwas verändern muss – das macht mir Angst.“

„Ich habe Angst, dass alles zusammenbricht.“

„Ich halte fest, weil ich nicht weiss, wer ich ohne das bin.“

„Ich bin noch nicht bereit, loszulassen – aber ich will nicht mehr so tun, als wäre alles gut.“


Das ist kein Aufgeben. Das ist Orientierung.


Was es in dieser Phase braucht

Was du jetzt brauchst, ist meistens nicht die „Lösung“.

Sondern genügend innere Sicherheit, um ehrlich hinsehen zu können.

Einen Raum, in dem du nicht stark sein musst.

Jemanden, der deine Angst nicht kleinredet und dich nicht drängt.

Eine Begleitung, die versteht: Du kannst nicht einfach „umschalten“.

Und ein Tempo, das dich nicht überfordert.


Manchmal ist Phase 1 auch die Einladung, die letzten Tage oder Wochen auf der Insel nicht nur im Kampf zu verbringen – sondern bewusst wahrzunehmen:

Was war hier gut?

Was nehme ich im Herzen mit?

Für welche Erfahrungen bin ich dankbar?


Nicht als Festhalten. Sondern als ehrliches in Kontakt gehen und Wertschätzen dessen, was bald losgelassen werden will.


Begleitung auf deinem Weg

Wenn du dich in diesen Zeilen wiedererkennst, dann ist das nicht das Zeichen, dass du versagst. Es ist ein Zeichen, dass du mit dir ehrlich wirst.


Und vielleicht ist genau das der Anfang einer Reise: nicht kopfüber in etwas hineinstürzen – sondern in eine Richtung gehen, die dir wieder entspricht.


Wenn du dabei nicht alleine sein willst: Wir begleiten Menschen genau in diesen Übergängen. Ruhig, persönlich und ohne Druck – so, dass du dich nicht überfordert fühlst und gut Orientierung hast auf dem Pfad, der sich auftut.


Franz Manser


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