Krisen-Phase 2: Dschungel der Emotionen - so kenne ich mich gar nicht!
- Franz Manser

- 14. Feb.
- 4 Min. Lesezeit
Wir verstehen Krisen als Veränderungsprozess mit vier Phasen. In dieser Phase bist du mitten im Gefühlschaos: Unsicherheit, Selbstzweifel und emotionale Wellen. Dieser Artikel beschreibt, warum es keinen Umweg gibt – und was Halt gibt, ohne dich festzuhalten.

Der Moment, in dem es kippt
Es gibt diesen einen inneren Moment. Meist ganz still.
Die Einsicht, die plötzlich nicht mehr ausweichbar ist:
„So wie bisher geht es nicht mehr.“
Das ist die rationale Einsicht – und sie ist oft der Gamechanger. Nicht, weil sie sich gut anfühlt. Sondern weil sie etwas beendet: die Illusion, dass du einfach weitermachen kannst wie vorher. Für viele fühlt sich das an wie ein innerer Zusammenbruch.
Es ist ein Point of no return. Ein Wechsel von der ersten in die zweite Krisenphase.
Als ob die letzten stabilen Reste der Insel weggespült werden.
Und dann: Dschungel.
Willkommen im Gefühlschaos
Im Dschungel der Emotionen wirkt nichts mehr sauber.
Du bist vielleicht gleichzeitig:
traurig und wütend
erleichtert und beschämt
hoffnungsvoll und panisch
klar und komplett vernebelt
Du erkennst dich nicht mehr.
Du reagierst „zu stark“. Oder du bist taub. Oder du schwankst zwischen beidem.
Du bist empfindlich, reizbar, verletzlich – und verstehst dich dafür nicht.
Viele Menschen sagen hier: „So kenne ich mich gar nicht!“
Und genau das ist typisch für diese Phase.
Denn was du erlebst, ist nicht „Charakterschwäche“. Es ist dein Nervensystem, das umstellt. Dein inneres System, das versucht, etwas Unvereinbares zu verarbeiten.
Keine Umwege – aber auch kein „Dauerdrinbleiben“
Das Unangenehme ist: Es gibt keinen echten Umweg.
Wenn du in Phase 2 bist, will etwas gefühlt werden.
Nicht theoretisch verstanden.
Nicht wegoptimiert.
Sondern erlebt.
Aber: Das bedeutet nicht, dass du dich 24/7 in deine Gefühle stürzen musst.
Viele machen genau hier zwei typische Extreme:
Totale Ablenkung
„Ich halte das nicht aus“ – also stürzen sie sich sofort in etwas Neues:
neue Beziehung, neues Projekt, neue Rolle. Hauptsache nicht spüren.
Kurz wirkt es stabil. Langfristig wird es enger und führt zu neuen Abhängigkeiten.
Totales Versinken
„Ich muss das jetzt komplett fühlen“ – und dann wird das Leben zum Dauerweinen, Dauerdenken, Dauerdrama.
Auch das überfordert. Und erschöpft.
Was in dieser Phase zählt, ist nicht Extrem – sondern Dosierung.
Was du jetzt wirklich suchst
In Phase 2 suchen Menschen oft verzweifelt nach Sicherheit in Form von Orientierung.
Und wenn sie sie nicht innen finden, suchen sie sie im Aussen:
in einem Menschen
in einer Beziehung
in Zustimmung
in Kontrolle
in Erklärungen
in „Sag mir, was richtig ist“
Das ist verständlich. Du bist verletzlich. Du willst Halt.
Und genau hier wird es heikel: Weil du in dieser Phase auch anfälliger bist, dich zu verstricken – in Abhängigkeiten, in Manipulation, in Entscheidungen, die nicht aus dir kommen, sondern aus Angst vor dem Gefühlschaos.
Darum ist es so wichtig, dass Halt nicht zu Klammern wird.
Sicherheit ist nicht „alles wegmachen“ – Sicherheit ist, den Raum zu schaffen, um es auszuhalten. Raum um dem Prozess in Bewegung zu halten.
Gute Begleitung in Phase 2 heisst nicht: „Wir lösen dein Leben.“
Sondern: Wir helfen dir, mit dir in Kontakt zu bleiben, während es in dir tobt.
Das kann ganz konkret heissen:
Du findest Anker, die dich stabilisieren (Menschen, Rituale, Alltag, Körper, Natur, deine Katze – ja, wirklich).
Du bekommst einen Safe Place, in dem Gefühle sein dürfen, ohne dass du darin untergehst.
Du lernst, dass Gefühle Wellen sind – die gefühlt werden wollen.
In der Krisenintervention würde man sagen: Stabilisierung und Ressourcenaufbau, damit Verarbeitung überhaupt möglich wird.
Der Kern dieser Phase
Phase 2 ist die Phase, in der du wieder lernst:
„Ich kann fühlen, ohne dass ich zerfalle.“
„Ich darf unsicher sein, ohne dass ich falsch bin.“
„Ich muss nicht sofort wissen, wer ich werde.“
„Ich bin.“
Du musst hier noch keine endgültigen Antworten haben.
Du musst dich nicht schon neu erfunden haben.
Es reicht, wenn du beginnst, mit dem, was ist, und was du fühlst, in Verbindung zu kommen. Es anzunehmen.
Was in dieser Phase hilft
Wenn du gerade im Dschungel bist, ist Orientierung oft wichtiger als Lösung.
Was jetzt hilft, ist:
ein sicherer Rahmen
eine Begleitung, die dich nicht drängt und analysiert
ein gutes Verhältnis aus „Alltag tragen“ und „inneren Prozess zulassen“
und Menschen, die präsent bleiben und den Raum halten, wenn es ungemütlich wird
Denn: Annehmen ist hier kein romantischer Spaziergang.
Annehmen heisst, mit sich selbst in Kontakt zu kommen. Auch mit den rohen, unangenehmen Selbstanteilen. Und Selbstkontakt ist die Basis, damit du nicht ausschliesslich im Aussen nach Halt suchen musst, sondern in dir selbst Halt findest.
Es ist der Moment, in dem Wurzeln wachsen.
Reise-Buddys für den Dschungel gesucht?
Wenn du dich gerade nicht wiedererkennst, ist das oft ein Zeichen, dass etwas in Bewegung kommt, das lange keinen Platz hatte.
Und ja: Diese Gegend ist ungemütlich. Aber du musst da nicht alleine durch.
Wir begleiten Menschen durch genau diese Phase – als Reise-Buddys, die wissen, wie sich dieser Dschungel anfühlt, die dir einen Safe Place zur Verfügung stellen und den Raum halten, damit du dich auf den Prozess einlassen und dem begegnen kannst, was angenommen werden will.
Franz Manser




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